Sextourismus
Drei Entwicklungen haben in den letzten Jahren Menschenrechts-Organisationen, UNICEF, aber auch Regierungen besonders beschäftigt:
- Prostitutions-Tourismus (insbesondere in Ländern Südostasiens, Afrikas und Lateinamerikas) und darunter die zunehmende Zahl von Kindern, die fast immer durch Zwang und Gewalt zu Prostituierten werden
- die Heiratsvermittlung ausländischer Mädchen und Frauen an Männer, die durch Agenturen vermittelt werden und dabei oftmals entwürdigend wie in einem Versandhaus-Katalog feilgeboten werden
- die "Einfuhr" ausländischer Frauen aus Entwicklungsländern in deutsche Vergnügungsbars und Bordelle
Rechtliche Aspekte des Sex-Tourismus
Seit 1993 gilt in Deutschland ein Gesetz, das den sexuellen Mißbrauch von Kindern (unter 14 Jahren) durch Deutsche, auch wenn er im Ausland geschieht, unter Strafe stellt.Ebenso wurde der Paragraph zum Menschenhandel verschärft. Darunter fällt jetzt auch, wenn jemand eine Frau oder einen Mann zur Ausübung der Prostitution nach Deutschland bringt (auch wenn er/sie schon vorher im Ausland auf den Strich ging) und dabei eine Zwangslage oder Hilflosigkeit ausnutzt. Für beide Gesetze wurde allerdings festgestellt, dass sie bislang an der Situation der Opfer nur wenig ändern konnten und dass auch Strafverfolgungen bislang äßerst selten aufgenommen wurden.
Zahlen und Fakten
Haupt-Reiseziele für den Sex-Tourismus sind die Länder Thailand, Philippinen, Kenia, Sri Lanka (Ceylon), die Dominikanische Republik und Brasilien. Vieles deutet darauf hin, dass in naher Zukunft auch Länder im Ostblock ein Schwerpunkt werden könnten. Bereits jetzt finden sich in den Grenz-Regionen von Tschechien und Polen große Ansammlungen von Prostituierten.
Nach Schätzungen vieler Organisationen sind etwa 70-80 Prozent der Männer, die in die oben genannten Länder als Touristen einreisen, Sex-Touristen, d.h. sie suchen zumindest am Rande, oftmals aber für die gesamte Urlaubsdauer, Sex gegen Bezahlung. Dies heißt beispielsweise, dass Anfang der 90er Jahre weit über 2 Millionen Männer pro Jahr als Sex-Touristen nach Thailand kamen.
Ähnlich wie bei den Sextouristen sind auch die Angaben über die Zahl der Prostituierten auf Schätzungen angewiesen. Der Deutsche Bundestag ging in einer AIDS-Expertise Ende der 80er Jahre von rund 1 Million Prostituierten in Thailand aus. Man vermutet, dass die Zahl inzwischen auf 1,5 Millionen gestiegen ist. Für die Philippinen geht man von rund 500.000 gelegentlichen oder ständigen Prostituierten aus.
Ein nicht unerheblicher Teil der Prostituierten besteht gerade in Ländern mit hohem Sex-Tourismus aus Kindern (unter 16 Jahren). Für Thailand schätzt man ihre Zahl auf etwa 300.000. In Sri Lanka werden schätzungsweise 10.000 Kinder im Alter zwischen 6 und 14 Jahren in Bordellen wie Sklaven gehalten, weitere 10.000 Kinder im Alter zwischen 10 und 18 Jahren gehen dem Gewerbe von sich aus an Urlaubsorten nach. In Brasilien schätzt man die Zahl der Kinder-Prostituierten auf 250.000.
Einer Studie von Dieter Kleiber für das Bundesministerium für Gesundheit zufolge (Aids, Sex und Tourismus, 1995) hatten die Sextouristen meist Kontakte zu mehreren Prostituierten: 20% mit 5 oder mehr, 40% mit 2-4 Prostituierten. Im Durchschnitt hatte jeder Tourist während seines Urlaubs 12mal Geschlechtsverkehr.
Zielländer des Sex-Tourismus sind meist Gebiete, die von der Infektionskrankheit AIDS besonders stark betroffen sind. Nach der Studie von Kleiber sind trotz dieses bereits erhöhten Ansteckungs-Risikos Sex-Touristen besonders erpicht darauf, Sex ohne Kondome zu betreiben. Etwa 40-60% "verweigern" Kondome beim Geschlechtsverkehr, am allerhäufigsten Männer, die zuhause langjährig verheiratet sind oder in fester Partnerschaft leben.
Das Beispiel Sri Lanka
Sex-Touristen, Porno-Produzenten und Zuhälter machen das paradiesische Sri Lanka für viele Kinder zur Hölle. Mehr als 10.000 Buben und Mädchen werden jährlich von ausländischen Besuchern mißbraucht. Das ergab eine Studie der Organisation "Peace" ("Frieden"). Seit 1991 hilft sie Kindern und verfolgt die Täter. Jungen werden vor allem zur Prostitution gezwungen, Mädchen meist für Porno-Filme mißbraucht. Die Peace-Vorsitzende Maureen Seneviratne hat ein Buch mit Fallstudien veröffentlicht, in dem die Opfer beschreiben, wie sie zu Sklaven der Kinderschänder wurden. "Es tat jedesmal weh, der Schmerz hörte nie auf", erzählt Gamini, ein Straßenkind, in einem Kapitel des Buches. Ein ausländischer Zuhälter vermietete ihn an Sex-Touristen.
Ein anderer Junge, William, nahm einen Job als Hotel-Boy an und geriet so ins Sex-Geschäft. Mit 14 Jahren mußte er mit Syphilis ins Krankenhaus. "Viele der Kinder haben Geschlechtskrankheiten, auch Aids", sagt Seneviratne. Die kleine Niluka war sieben, als sie an einen Zuhälter verkauft wurde, der am Strand sein Bordell für Touristen betrieb. Als es zum Prozeß kam, traute sie sich nicht, gegen ihre Peiniger auszusagen.
Armut ist die Hauptursache für das Schicksal der Kinder. Die Mutter arbeitet im Ausland, der Vater ist Trinker, oder die Eltern sind arm und wissen nicht, wie sie die Kinder ernähren sollen. Hier finden die Zuhälter für wenig Geld ihre Kinder-Sklaven. Sie werden von ihren eigenen Verwandten verkauft, oder sie leben auf der Straße, bis ein Mittelsmann sie anspricht. "Die Familien brauchen Alternativen, damit sich etwas ändert", mahnt Seneviratne.
Die Insel Sri Lanka in Südasien wirkt auf viele Touristen wie das Paradies. Südlich der Hauptstadt Colombo gibt es endlose Sandstrände mit Palmen. Die Fischerdörfer sehen so malerisch aus, dass die Armut fast unsichtbar bleibt. Vom grausamen Krieg im Norden, den Armee und tamilische Rebellen gegeneinander führen, ist hier nichts zu spüren.
In dieser Umgebung hat die Kinderschänder-Mafia Villen gemietet und zu Bordellen umfunktioniert. "Mehr als 600 Kinder in Sri Lanka werden zur Zeit im Internet angeboten", sagt Seneviratne. Dagegen die Öffentlichkeit mobil zu machen ist schwierig. Jeder Artikel, der fast alle Leser schockiert, kann auch Täter anlocken. Kinderschänder hoffen, weit weg von zu Hause ihre perversen Neigungen ungestraft umsetzen zu können. Die Chancen, sie zu fassen, steigen aber. Die Mittelsmänner wollen Geld, und dafür verkaufen sie nicht nur Kinder, sondern auch Informationen über ihre Kunden.
Peace nimmt immer häufiger direkt Kontakt zu den Behörden in den Herkunftsländern der Kinderschänder auf. Denn in mehr als 20 Staaten drohen Sex-Touristen auch dann Strafen, wenn es ihnen gelingt, am Tatort auf Kaution freizukommen und sich nach Hause abzusetzen. "Diese Gesetze sind ein Segen", sagt Seneviratne. Das alleine hilft den Kindern in Sri Lanka aber nicht. Peace macht keinen Hehl daraus, dass Kindesmißbrauch auch ein Problem der eigenen Gesellschaft ist. Einheimische Kinderschänder begehen zwei Drittel der Verbrechen. Die Gesetze wurden vor drei Jahren verschärft.
Auszug aus einem Bericht von "Peace"
Der Sextourist - wer ist das ?
Es gibt bislang nur sehr wenige Studien, die sich bemüht haben, Motive und Persönlichkeitseigenschaften der Sex-Touristen näher zu erhellen.
Dieter Kleiber hat in seiner Studie für das Gesundheits- Ministerium bei Befragungen in Thailand drei Charaktertypen ausfindig gemacht. Der "Playboy" sieht sich selbst als Frauenheld, Draufgänger und Lebenskünstler. Der "Daddy" beschreibt sich als familienorientiert, häuslich, Beschützer und Vater. Schließlich gibt es noch den "Anti-Kumpel", der sich als Einzelgänger und Eigenbrödler wahrnimmt.
Eine andere Studie des Bundesministeriums für Frauen und Jugend kommt zu vier verschiedenen Typen aufgrund von Umfragen in Kenia.
- Der "Globetrotter" nimmt den sexuellen Kontakt mit der Prostituierten als kulturelles Erlebnis wahr, fast wie den Besuch einer Sehenswürdigkeit. Das Geld, das er entrichten muß, betrachtet er eher als Geschenk.
- Der Hedonist ist am häufigsten unter den Sex-Touristen zu finden. Er sucht viele und wechselnde Sexualkontakte. Sein Motiv ist die sexuelle Befriedigung, die er ohne großen Aufwand (Flirt, Kennenlernen, Zeitaufwand) für wenig Geld bekommen kann.
- Der "Benachteiligte" hat meist kleinere körperliche Behinderungen oder ist zumindest wenig attraktiv. Oftmals hat er auch seelische Probleme, Minderwertigkeitsgefühle oder ist sehr schüchtern und nach innen gekehrt. Ihm ermöglicht der Sextourismus Männlichkeits-Erfahrungen, die ihm zuhause verwehrt bleiben.
- Der "Pseudogatte" schließlich pflegt Kontakte zu einer Prostituierten über lange Zeiträume hinweg (oft Jahre), besucht sie immer wieder, macht ihr Geschenke und fühlt sich wie ein Ehemann - ohne die lästigen Pflichten, die damit zusammenhängen.
Andrea Rothe kommt in einer neueren Studie auf der Basis von Beobachtungen und Interviews in Thailand zu der Erkenntnis, dass es zum Teil durchaus unterschiedliche Motive gibt: Sex-Vergnügen ohne Verpflichtung, eine feste Begleitung, die die Sprache beherrscht und das Land kennt, die Erfahrung einer mütterlichen und unterwürfigen Partnerin, der Kontakt mit einer "ganz besonderen" Super-Frau. Allen gemeinsam ist jedoch, dass sie über ihre Rolle als Mann im Heimatland zutiefst verunsichert sind, dass sie sich als absolute Herrscher und Ernährer (in der Beziehung, der Ehe) in Frage gestellt fühlen.
