Sexuelle "Perversion"
Die Meldung
Hannover, 14.4.1999
Die Medienbeobachter der Kirchen haben gefordert, die Schmuddel-Talkshows aus dem Fernsehen zu verbannen. Die Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche in den Landesmedienanstalten forderten die Werbewirtschaft am Freitag auf, im Umfeld derartiger Sendungen keine Spots mehr zu schalten. Sie kritisierten die Talkshows in den Privatsendern als "billig und menschenverachtend". "Nach wie vor wird vor keiner Abartigkeit und Perversion haltgemacht", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Kirchenvertreter.
Berlin, 19.10.1999
Die Bundesregierung hat sich dafür ausgesprochen, das bisher in der UN-Kinderrechtskonvention festgeschriebene Mindestalter für Soldaten von 15 auf 18 Jahre anzuheben. Es sei "pervers", Kinder "als Tötungsmaschinen abzurichten", sagte Außenminister Joschka Fischer auf einer internationalen Konferenz zum Thema in Berlin. Er sprach von "einer der schlimmsten Formen von Kindesmissbrauch".
Hamburg, 17.9.1999
"Als ich die Anklageschrift las, dachte ich an einen pubertierenden Zwölfjährigen." Staatsanwalt Jürgen Schmidt-Struck hatte keine Nachsicht mit Roland St. (38), der jetzt wegen Beleidigung und Körperverletzung vor dem Hamburger Amtsgericht stand.
Der Zahnarzt mit zweifachem Doktortitel hatte im vergangenen Sommer heimlich Frauen in der Umkleidekabine des Ohlsdorfer Schwimmbades gefilmt. Eine 21-Jährige bemerkte den "Spanner" und verfolgte ihn, um an die Videokamera zu gelangen. Es kam zur wilden Rangelei, Fäuste flogen, Schmerzen und blaue Flecken bei allen Beteiligten. Auf dem von der Polizei sicher gestellten Video waren nackte Frauen zu erkennen. Das Urteil des Vorsitzenden Richters Nils Graue gegen den Zahnarzt mit perversen Film-Gelüsten: acht Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung.
Hintergrund-infos: Begriffe
Perversion: vom lateinischen "perversus" ( = Umkehrung, Verdrehung) abgeleitet. Ursprünglich wurde der Begriff in religiösem Zusammenhang verwendet und bezeichnete "Ketzereien", Abweichungen von der kirchlichen Lehre. Im Laufe des 19.Jahrhunderts wurde er dann immer stärker auf sexuelle Neigungen und Praktiken angewendet, die vom "normalen" Geschlechtsverkehr zwischen Mann und Frau abwichen. Damit zusammenhängend wurden dann auch viele abweichende sexuelle Verhaltensweisen wie u.a. Homosexualität als Krankheiten definiert und auch nach Therapie-Möglichkeiten gesucht. Heute wird der Begriff oft auch außerhalb sexueller Zusammenhänge verwendet, um Meinungen oder Handlungen anderer als "krankhaft", "verrückt" oder "bestrafungswürdig" zu charakterisieren.
sexuelle Deviation:sexuelle Abweichung, selten vorzufindende Sexualpraktiken und Neigungen, dies ist der heute zumeist verwendete neutralere Begriff
Paraphilie: Begriff in der Sexualmedizin und -psychologie zur Kennzeichnung sexueller Abweichungen ganz allgemein, also aller Formen von Sexualität, die an außergewöhnliche Handlungen und Bedingungen geknüpft sind
Einzelne Formen sexueller Abweichungen
- Pädophilie: nur auf Jugendliche oder Kinder orientierte Sexualität
- Ephebophilie: auf Mädchen im Kindesalter orientiert
- Zoophilie, Sodomie: orientiert auf sexuelle Handlungen mit Tieren
- Gerontophilie: nur auf alte Menschen, Greise bezogen
- Nekrophilie: auf Tote, Leichname orientiert
- Koprophilie: mit dem Kot des Partners/der Partnerin spielen
- Urolagnie: mit dem Urin des Partners/der Partnerin spielen
- Frotteurismus: sich am Körper anderer reiben (z.B. in vollbesetzten Bussen, U-Bahnen)
- Fetischismus: bezogen auf bestimmte Gegenstände von Personen (z.B. Slips, BHs) oder auch generell (Lack-, Leder-Kleidung, militärische Gegenstände)
- Voyeurismus: sexuelle Neigung, die nur auf das (heimliche) Beobachten nackter Körper oder sexueller Handlungen anderer orientiert ist (umgangssprachlich: "Spanner")
- Exhibitionismus: Neigung, sich öffentlich anderen nackt zu zeigen (insbesondere: die eigenen Geschlechtsteile zu enthüllen)
- Sadismus: Neigung, dem Partner/der Partnerin Schmerzen zuzufügen
- Masochismus: Neigung, selbst gequält, bestraft oder gedemütigt zu werden
- Transvestitismus: Bedürfnis, sich äußerlich (Kleidung, Schmuck, Kosmetik) wie ein Angehöriger des anderen Geschlechts auszustatten (der "Transvestit")
- Transsexualität: Bedürfnis, auch körperlich dem anderen Geschlecht anzugehören einschl. der Geschlechtsorgane (Brüste, Penis, Vagina)
- Pyromanie, Pyrolagnie: sexuelle Erregung und Befriedigung im Zusammenhang mit Feuer
Der heutige Wissensstand
Im Altertum gab es Kulturen, in denen fast jede Form sexueller Handlungen als göttlich inspiriert galt und darum als natürlich und erlaubt wahrgenommen wurde. Jeder konnte seine sexuellen Neigungen, welcher Art auch immer, nachgehen, sofern er nicht die Rechte anderer verletzte. Diese liberale und tolerante Auffasung blieb in der Geschichte allerdings nicht bestehen. Im Alten Testament beispielsweise wurde verkündet, daß homosexuelle Handlungen und solche mit Tieren mit der Todesstrafe zu ahnden seien. Thomas von Aquin erläuterte im 13.Jahrhundert die christliche Moral und seine Ausführungen gelten in wesentlichen Grundzügen noch heute für die christlichen Kirchen. Danach ist Geschlechtsverkehr nur dann gottgewollt unbd keine Sünde, wenn er a) zum richtigen Zweck erfolgt (Fortpflanzung), b) mit der richtigen Person (Ehepartner) und c) in der richtigen Art und Weise (Koitus).
Im 19.Jahrhundert führten Sexualforscher und Psychiater dann den Begriff der "sexuellen Geisteskrankheiten" ("Psychopathia sexualis") ein, mit Hilfe dessen sie dann "natürliche" Formen der Sexualität von "krankhaften" Formen unterscheiden wollten. Abweichende Formen galten als pervers, so etwa die Homosexualität, die bis zum Jahre 1992 auch von der Weltgesundheitsorganisation WHO noch als Krankheit definiert wurde.
Im Laufe der weiteren Sexualforschung stellte sich jedoch bald heraus, daß man Millionen und Abermillionen von Männern wie Frauen als "pervers" einstufen müßte, wenn man nur davon ausging, welche Neigungen sie ab und zu ausleben. So zeigten die Ergebnisse der Untersuchung von Alfred Kinsey, daß etwa 50% aller Männer und 20% aller Frauen bis zum mittleren Lebensalter (ca. 40 Jahre) zumindest einmal auch homosexuelle Kontakte haben. Und Onanieren - lange Zeit als krankhafte "Auto-Erotik" definiert - so fand ebenfalls Kinsey heraus, ist bei 88 Prozent aller männlichen verheirateten Amerikaner im Alter zwischen 16 und 20 Jahren regelmäßig vorzufinden. Für über die Hälfte der Unverheirateten galt dies sogar noch im Alter von 50 Jahren.
Diese Beobachtungen führten schließlich zur Überzeugung, daß nicht die Neigung und Betätigung selbst bereits als "Perversion" und Krankheit einzustufen sei. Vielmehr gibt es lediglich graduelle Unterschiede und therapiebedürftige sexuelle Abweichungen liegen in der Regel erst dann vor, wenn bestimmte Betätigungen (wie Voyeurismus oder Exhibitionismus) allein und ausschließlich die sexuellen Bedürfnisse und Handlungen einer Person ausmachen, wenn also jemand nur und immerzu Nacktheit und Sex bei anderen heimlich beobachtet. Völlig normal ist jedoch, wenn jemand dadurch sexuell erregt wird, wenn er den Partner oder die Partnerin dabei beobachtet, wie er/sie onaniert.
Die heutige Sexualmedizin versucht sexuelle Abweichungen meist nicht mehr durch Psychotherapie zu "heilen" und in völlig andere Bahnen (heterosexueller Geschlechtsverkehr) umzulenken, sondern den Patienten mit seiner Neigung zu "versöhnen", d.h. die oft vorhandenen Gewissensbisse zu reduzieren. Denn oft kommt erst durch solche Gewissensbisse zu weiteren psychischen Störungen. Es gibt nach Auffassung vieler Wissenschaftler allerdings nach wie vor viele Fälle, bei denen das Sexualverhalten Anlaß zu Besorgnis gibt. Dies gilt insbesondere dann, wenn es a) zwanghaft ist (der Betreffende trotz aller Willenbsanstrengung den Impuls nicht bezähmen kann), b) destruktiv ist (für andere Personen körperlich oder seelisch zerstörend), oder c) für den Betroffenen selbst belastet (Gewissensbisse, Selbstvorwürfe, Suizid-Tendenzen, Ekel vor sich selbst).
Die ICD-Klassifikation
Die von Medizinern international verwendete Klassifikation von Krankheits-Diagnosen ("ICD") kennt heute noch eine Reihe von sexuellen Abweichungen, die dort auch als krankhafte Persönlichkeitsstörungen gelten. Dort sind beispielsweise aufgeführt:
- Transsexualismus: Der Wunsch, als Angehöriger des anderen Geschlechtes zu leben und anerkannt zu werden. Dieser geht meist mit Unbehagen oder dem Gefühl der Nichtzugehörigkeit zum eigenen anatomischen Geschlecht einher. Es besteht der Wunsch nach chirurgischer und hormoneller Behandlung, um den eigenen Körper dem bevorzugten Geschlecht soweit wie möglich anzugleichen.
- Transvestitismus unter Beibehaltung beider Geschlechtsrollen: Tragen gegengeschlechtlicher Kleidung, um die zeitweilige Erfahrung der Zugehörigkeit zum anderen Geschlecht zu erleben. Der Wunsch nach dauerhafter Geschlechtsumwandlung oder chirurgischer Korrektur besteht nicht; der Kleiderwechsel ist nicht von sexueller Erregung begleitet.
- Fetischismus: Gebrauch toter Objekte als Stimuli für die sexuelle Erregung und Befriedigung. Viele Fetische stellen eine Erweiterung des menschlichen Körpers dar, z.B. Kleidungsstücke oder Schuhwerk. Andere gebräuchliche Beispiele sind Gegenstände aus Gummi, Plastik oder Leder. Die Fetischobjekte haben individuell wechselnde Bedeutung. In einigen Fällen dienen sie lediglich der Verstärkung der auf üblichem Wege erreichten sexuellen Erregung (z.B. wenn der Partner ein bestimmtes Kleidungsstück tragen soll).
- Fetischistischer Transvestitismus: Zur Erreichung sexueller Erregung wird Kleidung des anderen Geschlechts getragen; damit wird der Anschein erweckt, daß es sich um eine Person des anderen Geschlechts handelt. Fetischistischer Transvestismus unterscheidet sich vom transsexuellem Transvestitismus durch die deutliche Kopplung an sexuelle Erregung und das starke Verlangen, die Kleidung nach dem eingetretenen Orgasmus und dem Nachlassen der sexuellen Erregung abzulegen. Er kann als eine frühere Phase in der Entwicklung eines Transsexualismus auftreten.
- Exhibitionismus: Die wiederkehrende oder anhaltende Neigung, die eigenen Genitalien vor meist gegengeschlechtlichen Fremden in der Öffentlichkeit zu entblößen, ohne zu einem näheren Kontakt aufzufordern oder diesen zu wünschen. Meist wird das Zeigen von sexueller Erregung begleitet und im allgemeinen kommt es zu nachfolgender Masturbation.
- Voyeurismus: Wiederkehrender oder anhaltender Drang, anderen Menschen bei sexuellen Aktivitäten oder intimen Tätigkeiten, z.B. Entkleiden, zuzusehen ohne Wissen der beobachteten Person. Zumeist führt dies beim Beobachtenden zu sexueller Erregung und Masturbation.
- Pädophilie: Sexuelle Präferenz für Kinder, Jungen oder Mädchen oder Kinder beiderlei Geschlechts, die sich meist in der Vorpubertät oder in einem frühen Stadium der Pubertät befinden.
- Sadomasochismus: Es werden sexuelle Aktivitäten mit Zufügung von Schmerzen, Erniedrigung oder Fesseln bevorzugt. Wenn die betroffene Person diese Art der Stimulation erleidet, handelt es sich um Masochismus; wenn sie sie jemand anderem zufügt, um Sadismus. Oft empfindet die betroffene Person sowohl bei masochistischen als auch sadistischen Aktivitäten sexuelle Erregung.
- Sonstige Störungen der Sexualpräferenz: Hier sind eine Vielzahl anderer sexueller Präferenzen und Aktivitäten zu klassifizieren wie obszöne Telefonanrufe, Pressen des eigenen Körpers an andere Menschen zur sexuellen Stimulation in Menschenansammlungen, sexuelle Handlungen an Tieren, Strangulieren zur Steigerung der sexuellen Erregung.
Kuriositäten
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