Der Po (Hintern, Arsch)

Im Kindermund heißt er Po, Popo oder auch Pöter. Oder man sagt: "Setz Dich auf Deine 4 Buchstaben." Das wohl häufigste deutsche Schimpfwort heißt "Du Arsch!" oder "Arschloch!" Ganz neutral sprechen wir vom Hintern, vom Hinterteil oder etwas medizinischer vom Gesäß (mit dem rechten und linken musculus gluteus). In Sprichwörtern und Redewendungen taucht nur der Arsch auf, nie der Po oder Hintern: "Am Arsch der Welt", "etwas ist für'n Arsch", "jemandem in den Arsch kriechen", ein "Arsch mit Ohren". Auch in Goethes berühmtem Werk "Götz von Berlichingen" ist nicht vom Popo die Rede: "Er aber sag's ihm: er kann mich im Arsch lecken!" (Bei Goethe heißt es tatsächlich "im", nicht "am".)

Während letzterer also fast nur zu Beschimpfungen herhalten muß, zeigt sein Namensvetter, der Po, sehr viel häufiger erotische Neigungen. Dies zeigt schon der "Klaps auf den Po", den Männer im Wirtshaus oder auch Büro austeilen: Früher ein plumper sexueller Annäherungsversuch, wird dies heute als sexuelle Nötigung oder Beleidigung (genauso wie das "Busengrabschen") unter Umständen sogar strafrechtlich verfolgt.

Signale vom Po

Signale vom PoVielen Zeitschriften-Umfragen zufolge ist der Po ein überaus bedeutsamer Körperteil beim ersten Blickkontakt. Es wird taxiert und begutachtet: Er sie, sie ihn, er ihn, sie sie. Biisweilen werden auch Zensuren von 1 bis 10 für das Äußere vergeben wie im Film "Zehn - die Traumfrau" (mit Bo Derek). Männer schauen bei einer Frau, die ihre Aufmerksamkeit erregt, zuerst auf den Busen, dann aufs Gesicht und den Po. Frauen andererseits betrachten den Umfragen zufolge sogar zuallererst den männlichen Po ("knackig" muß er sein) dann das Gesicht und den (hoffentlich muskulös-athletischen) Körperbau.

Noch deutlichere Signale gehen bei unseren Artverwandten vom Po aus. Die Weibchen vieler Affenarten zeigen ihren männlichen Kollegen ihren knallroten Hintern, sobald der Eisprung sich nähert und sie sich paarungsbereit fühlen. Für Männchen ist der leuchtend rote Hintern in dieser Zeit eine nahezu unwiderstehliche "Anmache", die sie fast immer dazu drängt, die Affendame von hinten zu begatten. Die Pavian-Weibchen setzen noch eins drauf und entwickeln in dieser Phase große rötliche Schwellungen am Hinterteil, die für manche (unkundige) Zoo-Besucher wie Geschwüre aussehen. Aber die Pavian-Frau ist nicht krank, sondern die (später wieder zurückgehenden) Schwellungen demonstrieren: "Ich bin gierig auf Sex und Fortpflanzung, nimm mich!".

Der "Rubens-Arsch"

Der Rubens ArschBei manchen afrikanischen Volksstämmen wird die Schönheit einer Frau an der Größe und Fülle ihres Hinterteils bemessen. Der große Biologe und Begründer der Evolutions-Theorie Charles Darwin beschrieb dies im 19.Jahrhundert: "Sir Andrew Smith begegnete einmal einer Frau, die ihm als große Schönheit beschrieben wurde. Zu seinem Erstaunen war ihr Hinterteil so unglaublich groß und dick, dass sie sich, wenn sie einmal saß, nicht alleine erheben konnte. Sie mußte zuerst zu einem schrägen Abhang kriechen, um alleine aufzustehen." Richard Francis Burton, ein englischer Forschungsreisender und Völkerkundler, berichtet über die Männer des Somali-Stammes, dass sie sich ihre Ehefrauen so aussuchen, dass sich alle Kandidatinnen in einer Reihe aufstellen müssen und der Mann jene Frau auswählt, deren Hintern am weitesten herausragt.

Bevor man abweisend die Nase rümpft, sollte man bedenken: Geschmack ist zeitabhängig und die Normen für Schönheit waren auch bei uns schon mal andere. Im Zeitalter des Barock waren üppige Proportionen beliebt und begehrt und dies galt auch für den Po.

Peter Paul Rubens etwa malte seine drei Grazien (siehe nebenstehendes Bild) mit Hinterteilen, die vor lauter Üppigkeit und Fülle bereits Falten warfen und die heute nicht mehr jedermanns Geschmack sind. Man spricht daher auch von einem "Rubens-Arsch" oder sittsamer von einem "barocken Hinterteil" einer Frau.

großen HinternEnde des 19.Jahrhunderts kam es in Mode, einen großen Hintern zumindest durch raffinierte Mieder und Kleidungsstücke vorzutäuschen. Luxuriöse und ausfallende Hinterteile sollten Männerblicke anziehen, durch sogenannte "tournures" (Gesäßpolster) oder auch "faux culs" (falscher Hintern), die aus einem anschnallbaren Drahtgestell bestanden und der Trägerin ein schwanen-ähnliches Aussehen mit gewaltigem Hinterteil verliehen.

Ein Bild des impressionistischen Malers Seurat zeigt eine Dame mit einem solchen faux cul beim Sonntags-Spaziergang. Wenige Jahrzehnte später entledigte sich die Damenwelt des falschen Hinterteils - das Korsett kam in Mode. Brüste und Bauch wurden mit Stoff und Metallstangen eingeschnürt, um nun den (echten) Po vorteilhaft herauszustellen.

Bikini, Tanga, Zahnseide

Natürlich kam der Po so richtig erst durch die Bademode zur Geltung. Aber diese Freizügigkeit ist noch keine 100 Jahre alt. In Preußen war es noch 1940 gesetzlich vorgeschrieben, dass Frauen einen Badeanzug tragen müssen, "der Brust und Leib an der Vorderseite des Oberkörpers vollständig bedeckt, unter den Armen fest anliegt sowie mit angeschnittenen Beinen und einem Zwickel versehen ist." 1946 stellte der Franzose Jacques Heim in Cannes einen Zweiteiler mit dem Namen "Atom" vor und Mode-Konkurrent Louis Reard kurze Zeit später die Kreation "Bikini". Doch es dauerte noch einige Zeit, bis der Bikini sich durchsetzen konnte. In Deutschland galt er noch 1957 als unmoralisch. Die Zeitschrift "Das Moderne Mädchen" rümpfte seinerzeit die Nase: "Es ist wohl hier nicht notwendig, ein Wort über den sogenannten Bikini zu verlieren. Ist es doch undenkbar, dass ein Mädchen mit Takt und Anstand je so etwa tragen könnte."

Bikini, Tanga, ZahnseideIn den 90er Jahren wurde dann durch den Tanga noch mehr Po öffentlich sichtbar. Und natürlich setzte man in Rio de Janeiro vor kurzem noch eins drauf: Der Bikini mit so wenig Stoff, dass man ihn "fio dental" (Zahnseide) nennt, läßt vom Po der Trägerin wirklich nichts mehr unverhüllt. Brasilien scheint generell ein sehr po-verliebtes Land: Einen nackten Po ("bumbum" genannt) findet man auf jedem zweiten Cover von Musik-CDs, in jeder größeren Stadt gibt es Wahlen zum Mr. und zur Mrs. Po und und die brasilianische Ausgabe des "Playboy" vergibt jedes Jahr die "Trofeu Bumbum", die Auszeichnung für den allerschönsten Hintern. Und im Karneval in Rio im Jahre 2001 waren die Samba-Schönheiten nicht nur "oben ohne", sondern zeigten auch aller Welt ihren unverhüllten Po.

Den Hintern versohlen - mit Lust

Schläge auf den Hintern waren noch bis vor kurzem ein gängiges Erziehungsmittel. In englischen Internaten wurden Schüler sogar durch Dutzende von Schlägen mit einem dünnen Peitschen-Rohrstock auf das entblößte, nackte Hinterteil gezüchtigt - manche Psychologen erkannten darin verborgene homosexuelle Neigungen der College-Schüler. Im Mittelalter gab es vom 13.-15. Jahrhundert sogenannte Flagellanten-Orden, religiöse Sekten, deren Mitglieder einander auspeitschten, um in religiöse Ekstase zu geraten. Im Frankreich des 16. und 17.Jahrhunderts waren dann Schläge aufs nackte Hinterteil ein königliches Vergnügen vieler Majestäten. Ein Historiker enthüllte folgende Geschichte der Katharina von Medici (die Gemahlin von König Henri II): 1577 befahl sie den schönsten unter ihren Hofdamen bei einem Festbankett, das Gesäß zu entblößen. "Dann schlug sie ihnen hart, so dass es laut klatschte, mit der flachen Hand auf den Hintern. Sie genoß es zuzusehen, wie wie sich ihre Gesäße und Körper auf seltsame Weise wanden." Der Anblick steigerte ihre sexuelle Lust so sehr, dass sie einige der Mädchen gleich danach an anwesende kräftige Herren weiterreichte.

Den Hintern versohlen - mit LustIm 18.Jahrhundert war das Auspeitschen, die "Flagellation", dann nicht mehr nur in Königshäusern gängig. In Klöstern peitschten Mönche und Nonnen ihre sündigen Schüler und Schülerinnen (mit großer Wollust) aus und in Paris gab es Klubs, in denen Frauen sich zum Vergnügen der Zuschauer gegenseitig züchtigten. Noch bekannter wurde die Flagellation dann durch die Romane des Marquis de Sade, in denen sowohl das Auspeitschen als auch das Ausgepeitscht-Werden in höchsten Lusttönen beschrieben werden.

"Spanking" heißt heute der Oberbegriff für alle Arten des Schlagens: mit der Hand, Peitsche, Riemen usw. Spanking erscheint in jüngster Zeit zunehmend auch außerhalb der sadomasochistischen Szene in Anzeigen von Prostituierten. Es scheint, als ob diese sexuelle Handlung auch von "Kunden" häufiger verlangt wird. Durch das Peitschen oder Schlagen werden Streß-Reaktionen ausgelöst und bestimmte körpereigene Substanzen (Endorphine) freigesetzt, die drogenähnlich wirken. Diese Körperstoffe können lusterregend wirken und zu besonderen "kicks" führen, lustbetonten Körperempfindungen in der Nähe von Angst und Streß, ähnlich jenen, die man bei einer aufregenden Fahrt in einer Achterbahn auf dem Jahrmarkt empfindet. "Spank me!" war eine Hauptbotschaft sexuellen Verlangens im Hit "Hanky Panky" des Popstars und Sexsymbols Madonna.

Künstler-Popos

Künstler-PoposIn der Kunstwelt überwiegen Damen-Pos. Eine Ausnahme bildete nur Michelangelo, der (in Anlehnung an antike Götter- und Helden-Statuen) das männliche Hinterteil öfter verewigte und dabei geradezu verherrlichte: Kraft und männliche Stärke strahlen diese Motive aus. Ansonsten jedoch sucht man nackte Männer-Pos auf Gemälden und Aquarellen berühmter Maler vergeblich, wenn man von Knaben-Abbildern (etwa als Cupido oder Amor) einmal absieht.

Nackte Damen-Pos jedoch tauchen in allen Jahrhunderten auf, in Gestalt von Göttinnen (etwa in Bildern mehrerer Maler mit dem Titel "Das Urteil des Paris") oder Grazien, liegend auf dem Bett oder stehend in der Natur beim Bade. Auch bei den Impressionisten war der Blick auf nackte Rücken und Hintern überaus beliebt, weitaus mehr jedenfalls als der Blick von vorn. Edgar Degas zum Beispiel malt häufiger hübsche nackte Pobacken von Damen beim Bade: "Ich zeige Mädchen ohne jede Koketterie, schrieb er, in der Pose von Tieren, die sich reinigen."

poEinige Jahrzehnte später wurden die Motive schon deutlich gewagter und der Po ist kaum mehr ein Körperteil, der vor allem gewaschen und gereinigt wird, sondern er enthüllt ganz eindeutige sexuelle Reize. Aktbilder von Picasso zeigen nicht nur die Gesäßbacken, sondern lassen auch schon die Vulva erkennen. Egon Schiele zeigt ganz unverblümte Po-Bilder, und auch von Rodin gibt es etliche Zeichnungen und Aquarelle, die das weibliche Hinterteil in sexuell durchaus aufreizender Pose zeigen.

Sexy Po

Was macht den Po so sexy, warum geht von ihm so große Verführungskraft aus? Das kleine Loch, das von den Pobacken verborgen wird, kann es nicht sein. Denn der Analverkehr ist zwar heute kein Tabu mehr, aber nur recht wenige heterosexuelle Paare praktizieren dies. Der Verhaltensforscher Desmond Morris erkennt in den weiblichen Brüsten eine Nachbildung der Pobacken. Nachdem unsere stammesgeschichtlichen Vorfahren den aufrechten Gang gefunden hatten, ragte das Hinterteil nicht mehr so auffällig als Zeichen der Paarungsbereitschaft heraus und die Brüste übernahmen diese Signal-Rolle.

poOb dies zutrifft? Zweifel ist angebracht, auch wenn zwei wohlgeformte Pobacken durchaus an den Busen erinnern (oder umgekehrt). Vieles spielt wohl eine Rolle: Die Möglichkeit, den Po in beide Hände zu nehmen, dabei die aufregende Nähe zu jener Stelle zu spüren, die beim Liebesakt ganz besondere Lust verheißt und erregt. Und auch das Gefühl des Verbotenen dürfte wohl mit im Spiel sein, denn schließlich war über Jahrhunderte hinweg die "Missionarsstellung" die einzige von Staat und Kirche erlaubte Stellung (zur Fortpflanzung), der Geschlechtsverkehr von hinten galt als animalisch und sündhaft. Vielleicht erklärt aber auch ein Brief von James Joyce an seine Geliebte Nora aus dem Jahr 1909 die erotische Faszination: "Meine süße kleine Hure Nora, (...) Ich bin entzückt darüber, dass Du es magst, von hinten gevögelt zu werden. Ich spürte Deine gewaltigen, in Schweiß gebadeten Arschbacken unter meinem Bauch und ich sah Dein fieberhaft glühendes Gesicht und die Tollheit in Deinen Augen."