Die Vorhaut-Beschneidung
USA: 3.300 Beschneidungen täglich
Noch vor wenigen Jahrzehnten wurde in den USA nahezu bei jedem neugeborenen Baby routinemäßig die Vorhaut beschnitten. Heute geschieht dies nicht mehr ganz so oft, aber immerhin noch bei rund 60 Prozent der Neugeborenen, das sind rund 3.300 Kinder pro Tag, alle 30 Sekunden fällt eine Vorhaut dem Skalpell zum Opfer. In etlichen Ländern der Welt geschieht die Beschneidung aus religiösen Gründen, insbesondere bei Juden und Moslems. In den Vereinigten Staaten sind jedoch eher kulturelle Normen ausschlaggebend: Der eigene Sohn soll so aussehen wie andere amerikanische Jungen auch. Medizinische Gründe wurden für den Eingriff immer wieder ins Feld geführt: Harnwegsinfektionen, Peniskrebs und Geschlechtskrankheiten können so vermieden werden, behauptete man.
Kinderärzte sind jetzt dagegen
Doch inzwischen mehren sich die Beschneidungs-Gegner. Im Internet gibt es einen Circumcision Information Ring, der etliche Websites vereinigt, in denen Argumente gegen die Beschneidung gesammelt und bekannt gemacht werden. Und erst vor kurzem änderten auch die maßgeblichen medizinischen Autoritäten ihre Meinung. Die Vereinigung US-amerikanischer Kinderärzte (American Academy of Pediatrics) hatte über lange Zeit den medizinischen Eingriff befürwortet. Auf ihrem Kongreß im Frühjahr 99 nun war Gegenteiliges zu hören: "Eine Beschneidung ist nicht wesentlich für das Wohlergehen des Kindes", hieß es und weiter: "Gewisse medizinische Vorteile der Beschneidung wie Harnwegsinfektionen und Penis-Krebs treten so selten auf, dass für die Akademie eine routinemäßige Beschneidung aller Babies nicht angeraten ist." Der mutige Schritt des Verbandes kann die Kinderärzte und Chirurgen einiges an Einnahmen kosten. Die medizinischen Gesamtkosten für die Beschneidung werden auf rund 200 Millionen Dollar in den USA geschätzt, ein Eingriff kostet im Durchschnitt etwa 140 Dollar.
Medizinischen Argumente
Tatsächlich halten alle früher einmal ins Feld geführten medizinischen Argumente für eine Vorhaut-Beschneidung einer näheren Durchleuchtung nicht stand:
- Infektionen im Harnleiter-Trakt: Zwar ist das Risiko für solche Erkrankungen bei Beschnittenen tatsächlich minimal niedriger. Dagegen stehen jedoch die Risiken durch den medizinischen Eingriff selbst und daraus resultierende Komplikationen. Diese Gefahren sind um ein mehrfaches höher.
- Penis-Krebs: Diese Krebsart ist einerseits extrem selten, sie tritt bei 100.000 (nicht beschnittenen) Männern nur einmal auf. Zum andern scheint die Beschneidung hier wenig Wirkung zu zeigen. In den USA jedenfalls (wo etwa 80% der älteren Generationen bei den Männern beschnitten sind), tritt diese Krebsart wesentlich häufiger auf als in Dänemark, wo Beschneidungen so gut wie gar nicht üblich sind.
- Bessere Hygiene und Schutz vor Ansteckung durch Geschlechtskrankheiten: "Niemand ist bisher auf die Idee gekommen, bei einer Nasen-Schleimhaut-Entzündung die Nase zu amputieren oder bei Fußpilz den Fuß medizinisch zu entfernen", machte sich der amerikanische Arzt Christoph Fletcher über dieses Argument lustig. Tatsächlich kann durch tägliches Waschen und Duschen der Intimbereiche solchen Ansteckungsgefahren hinreichend vorgebeugt werden. Auch das sogenannte "Smegma", das sich bei mangelnder Hygiene leicht unter der Vorhaut bildet (ein weißer, milchig-käsiger und unangenehm riechender Besatz) ist durch Waschen völlig unproblematisch zu entfernen.
Onanie-Verhinderung
Tatsächlich scheint es so zu sein, daß die medizinischen Gründe der Beschneidung in den USA vorgeschoben sind und eher der Sexualmoral entspringen: Kinder und Jugendliche, deren Vorhaut entfernt wurde, empfinden nicht bereits beim Berühren des Penis und einer leichten Verschiebung der Vorhaut sexuelle Reize. Dieser Hinweis hat einige Plausibilität, denn immerhin wurden in den USA noch Anfang dieses Jahrhunderts etliche Patente angemeldet für "Anti-Masturbations-Vorrichtungen" aus Drähten, Schnüren und anderen Gegenständen, die Jüngere wie Ältere davor schützen sollten, spontanten sexuellen Erregungen durch Onanie nachzugeben.
Der Eingriff
Bei der Beschneidung wird die Vorhaut, der vorderste Teil der äußeren Penis-Haut, die normalerweise ganz die Eichel bedeckt, weggeschnitten. Bei Neugeborenen ist der Eingriff in medizinischer Sicht noch relativ unproblematisch, da die Vorhaut noch nicht richtig entwickelt ist. Bei Erwachsenen ist die Vorhaut jedoch schon gut durchblutet und es können durch die Blutungen Komplikationen entstehen. Die Operation wird unter örtlicher Betäubung vorgenommen und dauert nur wenige Minuten. Zwar können die Patienten danach wieder nach Hause gehen, die völlige Heilung dauert allerdings bis zu drei Monate.
Bis vor kurzem wurde auch die sogenannte "Phimose", eine Verengung der Vorhaut, die sich nur mit Beschwerden oder gar Schmerzen zurückziehen läßt, routinemäßig durch Beschneidung ärztlich behandelt. In skandinavischen Ländern geht man andere Wege: Dort werden leichtere Phimosen ausschließlich mit Salben und Dehnen der Vorhaut behandelt - mit großem Erfolg.
Der Frankfurter Facharzt für Allgemeinmedizin und Spezialist für Sexualtherapie, Haydar Karatepe, schreibt uns zu dieser Therapie-Form:
Die Methode ist nicht sehr neu. Aus Erfahrung weiß man, daß Testosteron lokal angewendet, in der Regel zu einer Weitung der Vorhaut führt. Problematisch ist das bei heranwachsenden Jugendlichen, denn durch übermäßiges Auftragen kann die Hormonkonzentration so hoch werden, daß das Körperwachstum zu früh abschließt. Testosteron schließt nämlich das Knochenwachstum ab. Folge davon ist dann eine zu geringe Körper-Endgröße.
Weiterhin sind natürlich alle Folgen der Androgene (männliche Sexualhormone), wie Muskelwachstum (auch Herzmuskel, was später tödliche Folgen haben kann), Hyperagressivität, vermehrte Virilisierung (Vermännlichung) auch Erhöhung der Fettstoffwechselwerte mit einem höheren Risiko einer Arteriosklerose (Arterienverkalkung) und der damit verbundenen Folge von Herzinfarkt und Gehirnschlag zu beachten.
Das hört sich zwar alles sehr schlimm an, aber wenn die Testosteron-Konzentration gering gehalten wird und nicht über Monate behandelt wird, sind die Nebenwirkungen nicht so furchterregend.
Wenn ein Arzt nur die Beschneidung durchführen will, und der Patient wünscht eigentlich keine Beschneidung, so sollte ein zweiter Arzt befragt werden. Grundsätzlich sind die Landesärztekammern bei der Suche nach Fachspezialisten behilflich. Auch die Kassenärztlichen Vereinigungen haben entsprechende offizielle Arztlisten. ProFamilia und Männerberatungsbüros haben informelle Listen, anhand derer sie Ärzte empfehlen.
Haydar Karatepe, Facharzt für Allgemeinmedizin, Sexualmedizinisches Zentrum, Frankfurt am Main
Die Tradition
Die Beschneidung hat eine lange Tradition. Bereits im alten Ägypten wurde die Vorhaut männlichen Neugeborenen entfernt. Für die Hebräer war dies ein Akt, mit dem man seine Demut Gott gegenüber demonstriert. Und darüber hinaus war dies ein Reinigungs-Ritual: In den Regionen des Vorderen Orients herrschte nicht selten Wassermangel und eine Reinigung der Genitalien insbesondere unter der Vorhaut war schwierig. Die Beschneidung sollte so die hygienischen Probleme lösen. Später wurde sie praktiziert, um die Zugehörigkeit zum Volke Israel zu bekunden. Im alten Griechenland und auch im alten Rom hingegen gab es keine Beschneidung, im Gegenteil, man band die Vorhaut sogar mit einem kleinen Bändchen zusammen, damit die Eichel nicht zufällig sichtbar wurde. Bei Juden und Moslems ist die Beschneidung noch heute aus religiösen Gründen üblich.
Im Islam findet sie meist im Alter von 6 bis höchstens 12 Jahren statt. Zur Beschneidung, die erst seit kurzem von "Beschneidern" mit örtlicher Betäubung vorgenommen wird, findet ein großes Fest statt mit Tanz und Festessen und der beschnittene Knabe erhält großzügige Geschenke oder auch Geld.
Im Jüdischen heißt die Beschneidung "Brit Milah". Sie beruht auf der biblischen Überlieferung, daß Gott mit Abraham übereinkam, alle neugeborenen Söhne sollten an ihrem 8.Lebenstag (niemals früher) beschnitten werden. Die Beschneidung soll auch heute noch genau an diesem 8.Tag stattfinden, und zwar tagsüber und auch, wenn dies ein hoher jüdischer Feiertag ist. Die Zeremonie wird nicht in einer Synagoge, sondern zuhause oder in den Räumen eines Rabbi durchgeführt, der dafür die medizinischen und zeremoniellen Kenntnisse besitzt.
Potenz-Mythos
In nicht-jüdischen und nicht-islamischen Ländern führt ein Mythos nach wie vor dazu, daß sich erwachsene Männer noch die Vorhaut entfernen lassen, der Mythos vom größeren sexuellen Durchhaltevermögen. Durch die entfernte Vorhaut wird zwar tatsächlich die Eichel weniger gereizt. Ob dies jedoch ausreicht, um die sexuelle Ausdauer zu steigern gilt bei Wissenschaftlern als fragwürdig. Ganz billig ist das Vergnügen überdies nicht: Rund 800-1000 DM verlangen Chirurgen für den Eingriff - die Krankenkasse zahlt dies nur, wenn eine Phimose vorliegt, nicht zur angeblichen Potenz-Steigerung.
Weibliche Beschneidung
Ist schon die Beschneidung der männlichen Vorhaut in medizinischer Sicht inzwischen mehr als fragwürdig, so gilt dies noch mehr für Beschneidungen weiblicher Genitalien. In ungefähr 30 Ländern der Erde wird die Frauen- oder Mädchenbeschneidung praktiziert. 80-130 Millionen Frauen sind nach Schätzungen der WHO von dieser Verstümmelung betroffen. In der leichtesten Form wird "nur" die Klitoris eingeritzt, es gibt aber auch radikale Formen der Verstümmelung bis hin zur Entfernung der kleinen Schamlippen und dem Zunähen der Scheidenöffnung. Die Beschneidung wird meist an Säuglingen oder Mädchen bis zu 14 Jahren vollzogen, es sind aber auch Beschneidungen von erwachsenen Frauen bekannt. Die Folgen der Beschneidung reichen von Einschränkung des Lustempfindens bis zur Unfruchtbarkeit. Die Operation selbst führt wegen unhygienischer Bedingungen und mangelnder medizinischer Kenntnis der Beschneiderin nicht selten zum Tode. Es gilt jedoch die überlieferte Tradition: Nur eine Frau, die beschnitten ist, gilt als "rein" und hat einen Platz in der Gemeinschaft. Sexuelle Lustgefühle sind allein dem Mann vorbehalten.
Waris Dirie
Das afrikanische Top-Model Waris Dirie ist inzwischen UN-Sonderbotschafterin und Fürsprecherin der betroffenen Frauen geworden. Unlängst wurde sie vom ZDF-Magazin "Mona Lisa" zur Frau des Jahres erklärt. In ihrem Buch "Wüstenblume" erzählt Dirie ihre persönliche Geschichte. Sie ist fünf Jahre alt, als ihr bei vollem Bewußtsein im somalischen Busch Klitoris und Schamlippen weggeschnitten werden. Die Wunde wird mit einer Rasierklinge ausgeschabt, an der noch das Blut der Vorgängerin klebt und danach zugenäht, so daß nur eine winzige Öffnung zum Urinieren übrig beibt.
"Dann spürte ich, wie mein Fleisch, meine Geschlechtsteile, fortgeschnitten wurden. Ich hörte den stumpfen Klang der Klinge, die durch meine Haut fuhr. Es gibt keine Worte, die den Schmerz beschreiben könnten. Es ist, als ob dir jemand ein Stück Fleisch aus dem Oberschenkel schneidet, nur daß es sich dabei um den empfindlichsten Teil deines Körpers handelt."
