Psycho - Sexuelle Probleme und ihre Psychotherapie
Erektionsstörungen kommen weitaus häufiger vor als von vielen vermutet wird. Einer jüngeren amerikanischen Studie zufolge leidet jeder Mann zwischen 40 und 75 Jahren zumindest gelegentlich unter sogenannten "erektilen Dysfunktionen". Kinsey gibt 1970, an, dass bei 10.000 Untersuchungsteilnehmern ca. 35% aller Männer gelegentliche und 1,6% dauerhaft Erektionsstörungen haben. Schmidt und Arentewicz nennen bei 416 untersuchten Männern in der Hamburger Ambulanz für Sexualstörungen folgende Daten: Erektionsstörungen 56%, vorzeitiger Samenerguß 23%, beides zusammen 10%, ausbleibende Ejakulation 6%. Bei 353 untersuchten Frauen haben 90% Erregungs- und Orgasmusstörungen zugleich, 30% "lediglich" Orgasmusprobleme. Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass psychische Ursachen bei Sexualstörungen (bei beiden Geschlechtern) wesentlich häufiger sind als körperliche Ursachen.
Ursachen sind neben organischen Krankheitsbildern (z.B. nach Operationen, bei Diabetes, Durchblutungsstörungen u.a.) oft psychische Belastungen wie Streß oder Versagensängste. Grundsätzlich gilt jedoch: Es gibt nicht "den" impotenten Mann, sondern Impotenz tritt bei nahezu allen Männern irgendwann einmal auf, manchmal öfter, bisweilen auch über längere Zeiträume.
Der Penis spricht
Impotenz - so der Schweizer Therapeut Jürg Willy - ist oft eine sprachlose Mitteilung an die Partnerin. Der Penis, der nicht steif werden will, kann Unterschiedliches sagen:
- Ich habe jetzt keinerlei Lust auf Dich, ich finde Dich sexuell unattraktiv.
- Ich habe Angst vor den Folgen.
- Ich liebe Dich nicht mehr.
- Ich habe Angst, dass Du nicht richtig befriedigt wirst und ich für Dich dann unattraktiv bin.
- Ich bin todmüde.
- Ich möchte Dich verletzen, indem ich nicht auf Deine Wünsche eingehe.
- Ich bin als Liebhaber nicht gut genug für Dich.
- Du bist mir noch so fremd, Ich kenne Dich noch nicht genug.
- Ich habe ganz andere Sorgen. die mir durch den Kopf gehen.
- Ich möchte treu bleiben und will diesen Seitensprung im Grunde gar nicht.
Hintergründe
Die sexuelle Lust und Erregung kann durch eine Vielzahl von Einflüssen beeinträchtigt werden:
- sexuelle Hemmungen und Ängste
- Beziehungskonflikte
- beruflicher Streß
- negative Gefühle gegenüber dem Partner
- körperliche Probleme, Erschöpfung
- erst kurze Zeit zurückliegende Erkrankungen
- Einnahme von Medikamenten (z.B. blutdruck-senkende)
- Gedanken an früheres Versagen
- Leistungsdruck
- Fixierung nur auf den Koitus und Orgasmus
- Gewalterfahrungen
- negative Gedanken über Sexualität und die eigenen Fähigkeiten usw.
- Umgebungsbedingungen, z.B. hellhörige Räume, Lärm
Immer potent zu sein, gilt bei Männern auch heute noch als Zeichen von Stärke und Leistungsfähigkeit und ist in den Köpfen vieler als Erwartung an sich selbst ganz fest verankert. Das bedeutet oftmals dann aber: Man "muß" eine Erektion bekommen, auch wenn man im Grunde keine richtige Lust zum Sex hat und nicht erregt ist. Egal - "man muß es bringen". Dieser Leistungsdruck, unter den man sich selbst stellt, führt logischerweise aber oft zum Versagen. Man kann Erektionen nicht erzwingen.
Helfen Potenzmittel?
Die Impotenz des Mannes bedeutet konkret: Störungen der Erektion verhindern, dass der Penis steif wird und nicht in die Scheide eingeführt werden kann. Fast jeder Mann kennt das einmalige oder auch mehrmals hintereinander auftretende kurzfristige Ausbleiben der Erektion und das damit verbundene Gefühl und die Angst des Versagens. Tritt über einen längeren Zeitraum keine Erektion mehr auf, wird von Impotenz oder von einer "erektilen Dysfunktion" gesprochen. Viele Betroffene erhoffen sich Hilfe von sogenannten "Potenzmitteln", die man rezeptfrei in Apotheken oder Sexshops bekommt. Dieser Spaß ist nicht billig - und sehr oft wirkungslos.
Die Zeitschrift ÖKO-TEST-Magazin, Ausgabe 3/98 berichtet über solche Potenzmittel:
Die spanische Fliege
(20 ml kosten im Sexshop ca. DM 30,-): Der hier enthaltene Wirkstoff Cantharidin wird aus einem Käfer gewonnen und wirkt schon in geringen Dosen giftig auf innere Organe. Die in Deutschland verkauften Präparate bestehen aus homöopathischen Verdünnungen und sind daher unbedenklich. Eine Wirkung auf die Potenz ist nicht zu erwarten.
Penisex
(30 g Salbe aus der Apotheke für ca. DM 25,-): Die "Kraftsalbe" zum Einreiben begünstigt zwar die Durchblutung des Penis, nicht aber die der Schwellkörper (die für die Erektion zuständig sind). Eine ungünstige Nebenwirkung: Die in Penissalben enthaltenen Fette machen Kondome durchlässig.
Yohimbinum
(10 ml Tropfen aus dem Sexshop für ca. DM 30,-): Der Wirkstoff Yohimbin wird in Teilen der Schulmedizin als potenzfördernd angesehen. Dies betrifft allerdings nur die verschreibungspflichtigen Präparate. In Yohimbinum und anderen frei erhältlichen Präparaten ist der Wirkstoff jedoch nur in homöopathischer Verdünnung enthalten und hat keinen Effekt auf die Erektion.
Emasex
(40 Rektalzäpfchen kosten in der Apotheke ca. DM 65,-): Der Wirkstoff Bamethan wirkt oberflächlich durchblutungsfördernd. Bei Männern mit eingeschränkt funktionierender Erektion kann das Problem verstärkt werden, da nur intakte Gefäße erweitert werden. Die Nebenwirkungen reichen von Blutdrucksenkung bis Kopfschmerzen.
Symonale
(30 Tabletten kosten in der Apotheke ca. DM 70,-): Die Inhaltsstoffe von Symonale (Nahrungsergänzung, die als Potenzmittel beworben wird) erinnern eher an ein Kochrezept: Petersiliengewürzpulver, schwarzer Pfeffer, Anispulver u.a. Ein leckeres Abendessen im Restaurant ist wahrscheinlich die bessere Investition.
Wer dauerhaft Probleme mit der Potenz hat, sollte zunächst die Ursachen beim Urologen klären. Ob nun psychische oder organische Störungen zugrunde liegen: Eine schulmedizinisch anerkannte Therapie zahlt die Krankenkasse! Weitere Informationen enthält das ÖKO-TEST-Magazin, Ausgabe 3/98.
Therapie
Die Medizin hat mittlerweile eine Vielzahl wirksamer medizinischer Therapieformen entwickelt. Zu nennen sind hier etwa medikamentöse Therapien, gefäßchirurgische Eingriffe, Selbstinjektionen in den Penis und mechanische Hilfsmittel wie Vakuumpumpen. In Extremfällen werden auch sogenannte Penisprothesen verordnet.
Bevor man einen Arzt oder Therapeuten aufsucht, sollte man folgende Möglichkeiten durchspielen:
- Miteinander Sprechen:
Man sollte seine Wünsche dem Partner mitteilen. Zur Erfüllung der eigenen Wünsche gehört das Gespräch und das Zeigen, vielleicht sogar Üben und Demonstrieren dessen, was man mag und was man vermißt. - Kein 08/15-Sex:
Sex sollte nicht dauerhaft und immer wieder nach demselben Schema (Tageszeit, Ort, Stellung...) ablaufen. Ein spielerischer Umgang mit Sex ist wichtiger als Regelmäßigkeit, und sexuelle Spiele sind oft lustbringender, als wenn man sich nur auf den Koitus konzentriert. Und genauso sollte man sich Zeit und Muße gönnen. - Neue Entdeckungen machen:
Man sollte die Techniken wechseln, die Stellungen, den Ort, die Umgebung, die Streicheleien und Zärtlichkeiten, die Musik, auch masturbieren und sich masturbieren lassen gehören dazu, oder auch die Partner-Massage.
Sind die sexuellen Probleme auf diesem Wege nicht zu beseitigen, so sollte man eine Paar- oder Einzelpsychotherapie in Betracht ziehen. Psychotherapeutische Verfahren sind heute sehr wirkungsvoll. Niemand muß sich davor schämen. Zur Psychotherapie gehören zumeist dann die beiden Verhaltensregeln:
- die sexuelle Störung wird therapeutisch "erlaubt", d.h. man akzeptiert sie erst einmal und geht nicht davon aus, dass gleich am nächsten Tag oder durch ein Wundermittel alles gelöst ist
- die sexuellen Wünsche und Bedürfnisse werden geklärt und besprochen. Es wird versucht, bislang unterdrückte Ängste und Tabuvorstellungen offen auszusprechen.
Einzeltherapie
Es gibt eine Reihe von Entspannungsübungen gegen Angst und Verkrampfungen, "Körpererkundungsübungen" und sexuelle Experimentier-Übungen mit sexueller Reizung, für Frauen manchmal mit Verwendung technischer Hilfsmittel wie Vibratoren. Da Patienten mit sexuellen Funktionsstörungen nicht selten auch unter Selbstunsicherheit leiden, werden oft auch zusätzlich Kontaktmöglichkeiten, Selbstdarstellung und Kommunikationsformen in Rollenspielen geübt. Weiterhin wird eine zu starke Aufmerksamkeits-Lenkung auf den Koitus oder Orgasmus besprochen und versucht, die Neugier auch auf andere erotische und sexuelle Handlungen zu lenken (Masturbation, Streicheln, Petting usw.)
Paartherapie
Das von den Sexualwissenschaftlern Masters & Johnson 1970 entwickelte Konzept der Paartherapie brachte seither ganz erhebliche Behandlungserfolge. Sie erkannten die herausragende Bedeutung von Leistungsängsten und zwanghaften sexuellen Verhaltensmustern wie z.B. die zwanghafte Fixierung auf den Orgasmus. Ihre Therapie ist heute eine Standardmethode der Sexualtherapie.
Das Paar muß zunächst einigen Einschränkungen zustimmen: nämlich dem Verzicht auf direkte sexuelle Stimulation und auf den Orgasmus. In Sitzungen mit dem Therapeuten werden Übungen besprochen, die dann zuhause durchgeführt werden sollen. Diese Anweisungen fangen mit Streichelübungen an und bauen mit der Zeit die Einschränkungen stufenweise ab. Stark verkürzt läßt sich das Therapie-Prinzip so definieren: Durch ein Verbot des Koitus (aber Erlaubnis zum Streicheln, zum Petting) wird Angst abgebaut. Nach mehreren solcher Übungen wird dann zum Schluß auch wieder der Koitus erlaubt.
